« Und wie ich nach und nach gewahr, so bin ich selbst der größte Narr. »

Ferdinand Raimunds Rappelkopf

Der große Irrtum

Kapitel 1: Wintereinbruch 

 

Als Nedim das letzte Mal auf der Sooßer Weinstraße gefahren ist, waren der Mais gelb und die Reben reif. In welchem Jahr, das weiß er nicht mehr. Aber abendliche Polizeikontrollen waren weit weg und der ausgebrannte Auspuff seines Honda Civic hallte ungeniert über das Feld.

Heute zügelt der Tempomat seinen Audi SUV und der Spurhalteassistent murrt jedes Mal, wenn er in den eisigen Kurven etwas über die Mittellinie rutscht. 

In seinem Honda hätte er jeden der Windstöße gespürt, die den Schnee über die Fahrbahn peitschen. Das ganze Leben hat er damals noch stärker gespürt. 

Trotz der späten Stunde springt die einzige Ampel der Gegend allein für ihn auf Rot. Nedim blickt sich um und gibt Gas. Als er die Großauer Höhe erreicht, startet Wham! auf Ö3. Er schaut rüber auf sein Radiodisplay, auf Kronehit läuft „Driving home for Christmas“, blickt wieder auf die Straße, bremst sich erschrocken ein und das ABS löst aus. Vor ihm drehen sich Blaulichter neben einem vom Schneenebel umstürmten Polizisten, der auf Nedims deutsches Kennzeichen starrt.

Er lässt das Fenster keine fünf Zentimeter weit herunter und Wind und Kälte stürmen in seinen Wagen. 

„2G Kontrolle?“, schreit Nedim durch den Spalt.

„Umdrehen“, hallt es mit dem Wind herein, „ein LKW hängt auf der Höhe!“ Der Polizist nimmt seine Brille ab und schnüffelt durch den Spalt: „Rieche ich hier Alkohol?“

Nedim schüttelt den Kopf. 

Der Beamte zieht die Augenbrauen zusammen.

Nedim lässt das Fenster weiter runter und hält seine Nase hinaus: „Jetzt riech‘ ich‘s auch!“

 

Georg hat den Typen in der Sitzgarnitur nebenan gleich erkannt. Dessen großer Bruder, der Dobusch, hatte es in der Schule nicht immer leicht. 

„Dobusch – sei gusch“, „Dobusch – Klotschusch“!

Mit heller Stimme fragt er den Railjet-Schaffner, ob der Zug in Leobersdorf eine Rauchpause lang hält. 

„Nur zwei Minuten“, antwortet der Kontrolleur. 

Der Typ seufzt. 

 „Rauchen ist ganz schlecht. Wenn Corona es nicht schafft, der Teer schaffts! Der Teer schaffts!“

Georg blickt zu den beiden hinüber. 

Ihr Augenkontakt ist ganz kurz, dann seufzt der Schaffner: „In Wiener Neustadt hast Zeit zum Rauchen.“ 

Im Fenster zieht der Busserltunnel an ihnen vorbei. Er heißt so, weil die Zeit darin gerade dafür reicht. 

Irgendwann einmal fahre ich hier mit einer Frau.

Georg sitzt unheimlich gern für weite Strecken im Zug. Er möchte noch gar nicht umsteigen. Vor ihm führen Steintunnel und Viadukte in die Bucklige Welt. An einem Halt in den verschneiten Bergen aussteigen, ein paar Züge vorbeiziehen lassen und wenn ihm kalt wird, einfach mit dem nächsten zurück.

Aber es hilft nichts. Er schnappt seine Sporttasche. Wo sich die Stiege krümmt, stürzt er fast in den unteren Stock. 

Draußen tobt ein Winter, wie er früher einmal war. Georg sprintet zum zweiten Bahnsteig hinüber. 

Im Regionalzug riecht es nach dem Staub, den man nie wieder aus den Polstermöbeln bringt. Im ersten Abteil nickt ein Mann, so grüßen hier alle, ansonsten ist Georg allein. Es gibt nur einen Waggon. Im Fenster laufen Telefonkabel, als spule sie jemand nicht enden wollend ab. Es wird schon lange nicht mehr jeder Bahnhof angefahren. Der Berndorfer schon. Berndorf ist eine Stadt. Den Stadtpark sieht man von der Station. Darin versteckt sich das Franz-Josefs-Theater, das nach Fertigstellung ein Jahr leer stand. Es wurde im Jahr der Ermordung Sissis fertig, also hat man die Eröffnung verschoben, und Georg fragt sich, woher er das schon wieder weiß.

Ich weiß über alles hier beängstigend viel! 

Jetzt nehmen die Abstände zwischen den Häusern wieder zu. Die Abendsonne blendet durch die angefrorenen Scheiben. Pottenstein ist eine Marktgemeinde. Auch hier zahlt es sich noch aus, stehen zu bleiben. Die letzten Meter geht man wie überall zu Fuß. Fünfhundert Schritte sind es bis zum kleinen Haus am Waldrand, das ihm sein Großvater vererbt hat. Die letzten Jahre ist er wenn, dann mit dem Auto gekommen, so konnte er noch am selben Tag zurück. Also hat er die Schritte schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr gezählt. Fünfhundertsechzig braucht er heute. Seine Schrittlänge hat sich verkürzt. 

 

Als Nedim über den Hauptplatz fährt, klart der Schneesturm etwas auf. Die Statue von Ferdinand Raimund wird jedes Mal kleiner. Hier im Eckhaus schoss er sich in den Mund und hat seinen Sterbeort zur Raimundgemeinde gemacht. Tollwut manifestiert sich im Hirn. Erst wird man verrückt, dann tritt die Atemlähmung ein. Macht also vielleicht Sinn, sich in den Mund zu schießen, wenn einen ein tollwütiger Hund gebissen hat. Man muss sich nicht jeder unerträglichen Situation stellen. Nedim musste vor zehn Jahren nicht aus seinem Leben fliehen, nur aus seinem Leben hier.

Auf der windexponierten Anhöhe zur Hütte nehmen die Schneeverwehungen wieder zu. Da nicht jeder bemerken soll, dass er hier ist, parkt er den Wagen ein Stück weit entfernt und stapft zur Eingangstüre. Zur Sicherheit schaut er, dass sich aus dem Rauchfang nichts bewegt. Das Klofenster lässt sich von außen öffnen. Am Sims liegt noch immer der Notschlüssel parat.  

 

Irgendetwas muss Georg geweckt haben, denn egal, wie schlimm der Tag auch war, er ist noch nie in der Nacht aufgewacht. Er denkt an das Geräusch einer zufallenden Tür und versucht sich klar zu werden, ob er es noch im Traum oder schon in der Wirklichkeit vernommen hat. 

Bin ich überhaupt schon wach?

Es gibt ja das Phänomen vom Traum im Traum. Man träumt davon, dass man aufwacht, ist es aber noch gar nicht. Der Fußboden knarrt allerdings lebensecht. Hoffentlich ein Bub aus der Nachbarschafft, bei einer Mutprobe, und kein echter Einbrecher, der in Panik Dummheiten macht. 

Georg liegt in voller Montur unter zwei Decken. Um richtig einzuheizen, hätte er noch Holz hacken müssen. Das wichtigste Erbstück heute Nacht war bislang der alte Elektroheizkörper, der im Schlafzimmer steht. Georg weiß, warum ihm der Großvater den kleinen Grund hier direkt vermacht hat.  

Wenn einem etwas gehört, kehrt man immer wieder dorthin zurück.

Der Lattenrost kracht, als er sich aufsetzt. Im Nebenzimmer wird es still. Die Tür dorthin steht offen. Georgs Füße stampfen am Schiffboden des Schlafzimmers. Im Nebenraum rührt sich nichts. Also entweder der Nachbarjunge, der sich selber in die Hosen macht, oder ein eiskalter Profi mit Finger am Abzug. 

Jeder andere Einbrecher läuft in dem Moment wohl weg.

Vielleicht hätte Georg einfach Schlaf faken sollen. Aber je älter er wird, umso unbeeindruckter ist er von ungewöhnlichem Scheiß. Er schaltet das Licht an, sieht, was er niemals befürchtet hätte zu sehen, und klammert sich an den Funken Hoffnung, doch noch in einem Traum im Traum zu sein. Denn manche Erinnerungen stecken einem wie ein rostiger Nagel im Hirn.

 

Wie man richtig Holz hackt, hat Nedim genau hier gelernt. Breitbeinig stehen, nicht auf verastete Stellen zielen, am besten man trifft auf einen vorhandenen Riss. Niemals direkt am Boden, sonst wird die Axt stumpf. Georgs Vater erklärte, warum welches Brennholz wofür gut ist, wie lange die Scheite trocknen sollen und wie man beim Hacken eins wird mit der Natur. Nedim hat mit der ersten Morgensonne begonnen, es wird einem schnell dabei warm. Auf dem Hackklotz flackern Bilder davon ab, wie er Georg zum ersten Mal traf. Nedim hatte seine neue Adidas Jogginghose an. Der Spielplatz vor der Flüchtlingsunterkunft war das Zentrum der Welt. Wenn jemand Neuer dazu kam, wurde gekämpft. 

Wie sollte man sonst wissen, wer der Stärkere ist?

Einer der Österreicher brachte Georg mit. Nedim hatte bis dahin noch nie verloren. Georg warf ihn mit einem Trick zu Boden, mit dem er nicht gerechnet hat.

Scheiß Judo!

Jetzt war die Hose dreckig. Georg blieb stehen, als wäre es schon vorbei. Nedim sprang auf und verpasste ihm einen Kopfstoß ins Gesicht.

Mit zwölf denkt man halt noch weniger nach. 

 

Im Garten klopft es dumpf und grelles Licht bricht durch den Vorhangspalt. Georg hatte ein neues Remake von seinem größten Albtraum. Das mit Lisa und ihm lief schon eine Weile, war aber noch nicht offiziell. Sie hatten sich zum Wandern verabredet. Dann sagte sie kurzfristig ab, aber man kann ja auch alleine gehen. Am Bankerl neben dem Gipfelkreuz erkannte er sie schon von weitem, wie sie in der Mittagssonne saß. Nedim hielt sie im Arm, warf eine Tschik ins trockene Gras und auf einmal brannte der ganze Wald. 

Georg quält sich zum Fenster. Es ist sicher kein Traum im Traum. Die lange Axt saust herab und Nedim spaltet ein riesiges Scheit.

 

 

Kapitel 2: Winterfest

 

Als Nedim hereinkommt, sitzt Georg schon beim zweiten Kaffee. Er starrt auf den Tisch, wo neben Nedims Geldbörse der ausgedruckte Partezettel von Robert liegt, der immer in der ersten Reihe saß. Der 26. Dezember ist schon übermorgen und er ist wirklich ein Scheißtag für ein Begräbnis.

Nedim nimmt sich selbst Kaffee. Er weiß ja, wo alles ist. Er rührt das extra fein gemahlene Pulver direkt ins kochende Wasser und denkt daran, wie sie ihn früher zur Kardinalschnitte vom Hauptplatzbäcker getrunken haben.  

„Noch immer bosnischer Kaffee?“ 

„Warum weißt du davon, und ich nicht?“, fragt Georg und deutet auf die Parte.

„Hatte auch lang kein Facebook.“

Der Schulballanzug ist schwarz. Er ist bei meinen Eltern. Vielleicht passt er noch.

Er will sicher seinen Schulballanzug anziehen. Hat ja kein Geschäft offen. Aber keine Chance, dass er da noch reinpasst.

„Soll ich dich hinführen?“, fragt Nedim.

Auf keinen Fall.

Georg steht wortlos auf und wirft die Türe ins Schloss.

Draußen riecht es, wie der Winter in der Stadt nie riechen wird. Als läge ein vertrauter Hauch von verbranntem Holz in frischer Luft. 

„So riecht der Winter am Selo“, hat Nedim immer gesagt, im Dorf.

Es ist erst sieben, aber seine Eltern sind sicher schon auf.

Senile Bettflucht.

Am Weg hinein bemerkt er, dass es in den Fenstern keinen Adventkalender mehr gibt. Früher hatten 23 Haushalte verabredet, dass jeder davon ein Fenster schmückt und darin einen Dezembertag ausstellt. Die Nummer 24 war ein aufwendiger Schaukasten in einem gemauerten Buswartehaus. 

Mit dem Anzug in seiner Sporttasche kehrt Georg wieder zurück. Wäre nicht Weihnachtsmorgen, hätte er sich mit seiner Mutter gerade ordentlich gefetzt.

Am Rückweg geht er über den Hauptplatz. Früher sind sie um die Uhrzeit in die Hauptschule gegangen. Nedim ist in der dritten zu ihnen gekommen. Alle neuen Integrationskinder haben sie in die B-Klasse gesteckt. Im Oktober hat ihn Georg zu sich eingeladen, ab dann ist Nedim immer aus dem früheren Bus ausgestiegen und hat auf ihn gewartet. Um halb acht hat der Bäcker seine Waren im Rollcontainerkäfig von der Bäckerei zum Geschäft geführt. Sie haben ihm immer beim Schieben „geholfen“ und dafür jeder ein Weckerl gekriegt. Sie durften aussuchen, aber für Nedim war es normal ein Pizzastangerl und ein Kümmelweckerl für Georg.

Die Raimundstatue wirkt jedes Jahr unspektakulärer, so wie einem auch die Stücke mit jedem Mal schauen banaler vorkommen. Ein trauriges Ende, mit diesem tollwütigen Hund. Georg versteht, dass man vor so einem grausamen Ausgang lieber flieht.        

Muss jeder wissen, was das Richtige für ihn ist. „Ich hab endlich das Richtige für mich gefunden“, hat Lisa damals gesagt. Das „endlich“ war das schlimmste Wort; als hätte man sie von unserer Zweisamkeit erlösen müssen.

Während er die Serpentinen zum Haus hinauf spaziert, liest er am Handy Nachrichten, checkt seine Messenger und danach Raimunds Wikipedia-Artikel. Am Ende des Kapitels „Leben“ bleibt er ruckartig stehen.

 

Nedim spaltet wieder Holz. Das Haus fühlt sich wie zuhause an, und doch hat er das Gefühl, arbeiten zu müssen, um etwas für seinen Aufenthalt zu tun. Am Hackstock laufen wieder die Erinnerungen ab. Diesmal davon, wie er Georg zum letzten Mal sah. An einem Mittwoch hatte Nedim Gesellenprüfung. Am Donnerstag gestand er Lisa, wie sehr er sich wünsche, dass sie das mit ihnen offiziell machen. Am Freitag hat er sie am Feldweg Hand in Hand mit Georg gesehen. Am Samstag fragte er sie, ob es jemand anderen gibt.

Sie hat ihn angesehen, als ginge es um eine Geschichte, die halt sicher nicht für immer reicht.

Für Nedim ging es um alles, was irgendwie zählte.

„Es tut mir so leid“, hat sie geantwortet. Sie habe lange überlegt und wisse jetzt, was das Richtige für sie ist.

 

Als Georg bei der Türe hereinkommt, hat Nedim schon geduscht. Seit er hier ist, hatte er noch nicht das Bedürfnis, etwas zu trinken, aber jetzt war ein guter Moment, um die Bar zu inspizieren. 

Nedim fragt: „Hast du die Sachen ernsthaft alphabetisch sortiert?“

„Wie sortierst du sie, nach Prozent?“

„Nach Beziehungsphasen“, grinst Nedim: „Vom Schlumberger für Zieh dich aus bis Rakija für Zieh doch aus.“

Georg stellt sich vor den Schlafzimmerspiegel, probiert sein Hemd und meint:

„Hätte nicht gedacht, dass mir das noch passt.“ 

Nedim kommt ins Zimmer: „Eine Wurst passt auch ihn ihre Haut.“

Georg hätte fast gelacht.

„Um fünf sollen wir bei meinen Eltern sein.“

Nedim sieht ihn mit großen Augen an.

Wir?

 

„Schorschi!“, schreit die Nachbarin.

„Griasdi Gott, Leitnerin“, antwortet Georg und erntet ein zufriedenes Gesicht. Ein junger Mann, der seinen ursprünglichsten Dialekt auspackt, ist ein beruhigendes Stück Normalität.  

„Da Nedim! Lebts ihr leicht z‘saum?“

„Sicher“, antwortet Nedim.

„Dea redt‘ nur bled“, erklärt sich Schorsch.

„Waun‘s so is, kennts as ruhig sog’n!”

Georg hebt die Hand und wünscht ihr ein Frohes Fest.

Im Vorzimmer flackert das Licht von Bethlehem. Eine Flamme, die an Jesus vermutetem Geburtsort angezündet, mit dem Flieger ins Land gebracht und dann mit dem Zug verteilt wird, von wo sie jeder mit einer Kerze abholen kann.

„Nedim!“, schreit Georgs Mutter und ihre Stimme fährt ihm durch Mark und Bein, noch bevor die Umarmung ihm die Luft wegdrückt. „Wehe, hob i dem Schorsch g‘sogt, waun ea di duat omand losst!“ Die aufbrausende Stimme ist kein bisschen gealtert, auch ihre blauen Augen nicht. Nur der böse Blick, den sie Georg zuwirft, zieht viel mehr Falten in ihrem Gesicht.

Der Tisch ist schon gedeckt. Zu trinken gibt es belebtes Wasser und regionales Bier. 

„Das sind in Granderwasser aufgelöste Globuli“, zwinkert Georg.

Sein Vater hat jetzt kurzes Haar. Wie immer trägt er ein kariertes Flanellhemd, das er in seine Wranglerjeans steckt. Jedes Jahr zündet er die Kerzen am Baum an, dreht das Licht ab und liest das Weihnachtsevangelium vor. Früher hat er dazu die Seite der Kronen Zeitung, auf der sie es immer zu Weihnachten bringen, in die zu klein gedruckte Bibel gelegt. Seit letztem Jahr macht er das anders. Er öffnet das Neue Testament auf einer beliebigen Seite und beginnt einfach im Dialekt zu erzählen. Er fängt an mit „Domois, ois si auf Geheiß vom Kaisa Augustus olle in Steierlistn eitrogn hom“ und endet mit „De Hiatn san daun wieder z’ruck und hom oin von dea gaunzn G‘schicht dazöht.“

Danach beginnen sie zu erzählen. Unerschöpflich ist der Vorrat an neuen Geschichten über Namen, die bei allen sofort ein Nicken auslösen. Nedim berichtet, wie er sich in Wien zum Bauleiter hochgearbeitet hat und dann in Deutschland sein eigenes Ding aufzog. 

Am Ende brennen die Sternderlwerfer am Baum und weil die Mutter sonst nicht damit aufhört, singen sie Stille Nacht.

 

 

Kapitel 3: Frühlingshaft

 

Ein fünfundzwanzigster Dezember, der aussieht wie ein erster Mai. Viel kälter ist es, aber Plusgrade hat es bestimmt, denn in den Regenrinnen plätschert der schmelzende Schnee. Doch der Himmel sieht aus, als könnte bald das Freibad aufsperren.  

Kein Wetter fürs Tourengehen, aber für Wanderwege ideal. Vom Holzplatz vor dem Haus sieht man gut auf einen Haufen Berggipfel ums Tal. Speziell, wenn man am Apfelbaum sitzt. „Irgendwann einmal packen wir sie an einem Tag“, hatten sie sich dort oben geschworen, was wenn man klein ist, schwer erreichbar scheint, und damals waren sie gemeinsam etwas jünger als jetzt. Aber heute haben sie es geschafft. Um halb sechs war Tagwache. Zuerst die Wolfsgeist, auf der Georg aus Schüchternheit außer Konkurrenz bei einem Kinder-BMX-Rennen mitgefahren ist und sich dann geärgert hat, weil er aufs Podest gekommen wäre. Dann der Kahlkopf, auf dem Nedim leere Patronenhülsen gefunden hat, und Georgs Vater machte ihnen kleine Signalpfeifen daraus. Der Guglzipf, auf dessen ersten „Rock-am-Berg“-Fest sie sich durchs Dickicht eingeschlichen haben. Am Weg hinunter hat Lisa sich in der Dunkelheit verlaufen und Georg eine SMS geschrieben, weil ihr Guthaben für mehr nicht reichte. Als er sie nach einer halben Stunde gefunden hat, haben sie das erste Mal geschmust. Das Waxeneck, auf dessen Pfadfinder-Matratzenlager ein Mädchen Nedim ihren Zigarettenrauch in den Mund geblasen hat. Das sind für sie die wichtigsten Gipfel der Welt. 

Auf dem Waxeneck gibt es eine Stelle, die nennen sie Schneebergblick, und an Tagen wie heute kann man ihn tatsächlich sehen. Als sie dort nebeneinander sitzen meint Georg: „Du solltest dir hier in der Gegend etwas kaufen.“

Wenn einem etwas gehört, kehrt man immer wieder dorthin zurück.

„Brauch ich nicht“, lächelt Nedim, „ich weiß ja, wo der Schlüssel liegt.“

Es ist schon ein paar Stunden finster, als sie wieder daheim ankommen, aber sie haben es tatsächlich geschafft. Dann hat Georg einen noch kühneren Einfall. Aber das Christtags-Clubbing war eine Schnapsidee. Keine Stunde da und sie fühlen sich schon um ein Jahrzehnt älter. Jetzt, da sie an den nächsten Tag denken, spürt es sich auch nicht gut an, am Vorabend eines Begräbnisses feiern zu gehen. Mit halbvollem Bier sehen sie sich an und es kommt ihnen dasselbe „eh kloa“-Gefühl eines kleinen, absehbaren Schnitzers. 

Wie wenn man gerade in ein Radar gefahren ist, das eh immer schon dort steht.

Sie lassen ihr Bier zurück und platzen vor der Türe in ein Geschrei. 

Draußen wurden zwei Burschen eingekreist. Vier Typen und zwei Mädchen stehen um sie herum. 

„Sog no amoi, wost zu ihr g‘sogt host”, schreit einer der vier.

„Kumm an Schritt zuwa, waunst mit mia redst“, erwidert der andere.

„Dasst mi aus da Näh dawischst, oda wos?“, entgegnet der eine, geht dennoch auf seinen Kontrahenten zu, kassiert einen Schlag ins Gesicht und die zwei Eingekreisten versuchen zu fliehen. 

Aber nach wenigen Metern holen sie die anderen ein. Sie liegen sofort am Boden, und die sechs hören nicht auf.

„Aus jetzt, ihr feigen Oaschlächa“, schreit Nedim.

Er redet schon klareren Dialekt als viele im Tal.

Auf dem Spielplatz hat Georg nicht das einzige Mal mit Nedim gerauft. In der Hauptschule haben die 4. Klassen in legendären Schwammschlachten gekämpft. Dabei gab es weder Schwerverletzte noch eine Wertung, aber die 4B mit Nedim und Schorsch ging irgendwie immer als Sieger hervor. 

„Wos geht di des au, du Wappler?“, schreit eines der Mädchen.

Nedim lächelt. 

Vor fünfzehn Jahren hätte sie noch gsagt „Wos geht di des au, du Tschusch“. 

Einer der vier Typen rennt auf Nedim zu.

Könnma bitte afoch gehen?

Nedim packt ihn und stößt ihn in Richtung Georg. Der Typ will Schorsch einen Schlag versetzen, während eines der Mädchen Nedim hysterisch anschreit.

Schorsch wirft ihn reflexartig mit einem Hüftwurf zu Boden.

Du kannst einen Jungen aus der 4B holen, aber niemals die 4B aus dem Jungen.

Dann geht alles ganz schnell.

Das Blaulicht dreht sich. Die anderen laufen in alle Himmelsrichtungen weg. 

„Du schon wieder?“, schreit der Polizist und blickt Nedim über seinen Brillenbügel an.

Vielleicht hätte ich nach dem „Jetzt riach i’s a“-Sager nicht einfach Gas geben sollen.

 

„Für die Aussage haben wir jetzt aufs Revier kommen müssen?“, fragt Georg den jungen Polizisten und überlegt, woher er ihn kennt.

„Vielleicht geht’s noch in die Ausnüchterungszelle“, droht der Ältere und wirft ihnen zwei originalverpackte Masken hin. „Indoor ist bei uns FFP2.“

Georg muss immer noch an die Schwammschlachten in der 4B denken.

Wer von dem grauslichen Tafelschwamm getroffen wurde, ist eh gegen alles immun.

Nedim und Schorsch füllen Formulare aus.

„Also Namen der anderen Schläger kennt ihr nicht?“, fragt der ältere Polizist.

Die beiden schauen sie erledigt an.

„Echt unnötig“, flucht Georg und unterschreibt sein Formular.   

„Gibt es diesen Taxler noch?“, fragt Nedim und versucht sich an den Namen zu erinnern.

Draußen fährt ein Wagen vor.

„Meine Schwester kommt“, erklärt der jüngere Polizist.  

Georg greift sich auf die Stirn.

Nedim hat ihn immer noch nicht erkannt. Aber er erkennt den Rhythmus der Stöckel im Gang.

Bitte nicht so.

Sie trägt einen taillierten weinroten Parka und schwarze Jeans. Aber als erstes sieht man die großen Augen und den kleinen Mund. Der verzieht sich, als hätten sie gerade Kinder beim Naschen ertappt. Die zehn Jahre sind keine Sekunde mehr wert. Sie beugt sich zuerst zum sitzenden Nedim herunter, Georg steht auf und sie umarmen sich im Stehen. 

Im Gang blickt Lisa an ihnen beiden vorbei zu den Polizisten, die gerade jeder eines der Formulare zerknüllen.

„Meine Frau wartet draußen“, erklärt Lisa und öffnet die Türe des Reviers.

Nedim und Georg schauen sich an. 

Weitergehen, weitergehen!

Ihre Frau trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, hat einen Pagenschnitt und lächelt angepisst.

„Kommt ihr morgen auch?“, fragt Lisa am Weg zur Fahrertüre.

Das Begräbnis scheint für sie sehr präsent zu sein. 

Nedim nickt und Georg fragt: „Hattet ihr noch viel Kontakt?“

Lisa entkommt eine Träne an der Schläfe.

Also ja. 

Ihre Frau legt ihr Telefon auf die weiße Steppjacke in ihrem Schoß und reicht ihnen vom Beifahrersitz aus die Hand.

Als sie über den Hauptplatz fahren, holt Nedim sein Handy heraus.

„Oida“, schimpft Lisa, als sie die Auffahrt zum Haus verpasst und schiebt zurück. 

Nedim hebt das Gesicht vom Display und blickt zu seinem Freund. 

Was ist?

„Ich hab gerade den Raimund gegoogelt.“

„Ich weiß …“

Was weißt?

„Dass der Hund, der ihn gebissen hat, in Wirklichkeit gar nicht tollwütig war.“


Veröffentlicht in der Antologie Auftauchen 2 der Literaturedition Niederösterreich.
Präsentiert bei der Lesung "
Auftauchen in Kottingbrunn"  in der Schlossbücherei Kottingbrunn.