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Sebastião Salgado
Fokus
Abi lässt einen Filter über alle Partyfotos laufen. Er muss sie bis morgen um 10 auf die Veranstaltungswebsite laden. Dann stehen die ersten auf und wollen alles nochmal sehen. Aber ein bisschen besser, als es wirklich war.
Einige Fotos muss er noch scharfzeichnen. Sie brauchen mehr Klarheit. Den Szenegastronom hat er nur einmal drauf. Er steht im Gastgarten und ist der Zweite von links. Er hat gute Haut. Aber es ist zu viel Rauschen am Sternenhimmel, den man am oberen Bildrand sieht. Abi muss nachher seinen Namen googeln, damit er ihn auf der Homepage unters Bild schreiben kann: XY, Zweiter von links.
Draußen ist es laut. Irgendjemand schreit das Wort Schlampe. Würde nicht hin und wieder jemand vor der Shisha-Bar schreien, hätte Abi sich die Wohnung nie alleine leisten können.
Wenn es irgendwo Ärger gibt, existieren nur zwei Arten von Menschen: Die einen schauen hin und die anderen weg. Abi macht das Fenster auf. Es sind zwei Mädchen. Das in der nachtblauen Jacke hat anscheinend Nacktfotos von dem im sonnengelben Top hergezeigt. Dafür stößt sie die Gelbe erstmal zu Boden. Dann tänzelt sie um die Liegende herum, als wüsste sie nicht, was sie weiter tun soll. Abi zoomt auf das Gesicht des Mädchens, das am Boden kauert. Genau im Moment, in dem ihr die andere eine schmiert, drückt er ab.
Die Diensteinteilung findet immer im großen Besprechungsraum statt. Tino Egger ist der Chef. Wie immer steht er in Anzug und Sneakers vorne und macht irgendwen zur Sau. Die Fotografin, die er anschreit, ist verängstigt. Vielleicht hält Tino sein Feedback für rein fachlich. Er meint, sie bringe auf die Veranstaltungswebsite zu wenig Haut.
Abi hat das Foto vom Vorabend auf seinen privaten Accounts gepostet. Achthundert Likes und kaum ein negativer Kommentar. Eigentlich sollten sie es disliken. Statt Herz-Symbolen sollte es gebrochene Herzen geben, oder besser: Ein Icon mit gebrochenem Hirn.
Abi würde gern einmal zu einem richtigen Pressetermin eingeteilt werden, oder zumindest zu einem gescheiten Event. Aber er muss froh sein, wenn er zu den Stadtbahnbögen darf. Tino ruft seinen Namen auf und nennt ihn dabei Ali. Verdammt! Pratersauna it is.
Im Prater ist es immer heißer als im Rest der Stadt. Abi wird drei-vier Stunden hierbleiben und einfach Leute anschauen. Sein Geld gibt er für den Scheiß hier nicht aus. So ein Pratersauna-Job bringt fünfzig Euro auf die Hand. Wenigstens hat er dafür nicht Fotografie studiert. Andere schon. Sie machen das, um anzufangen. Weil ein 9-to-5 Job nichts für sie ist. Viele sind auch bald wieder weg. Aber wenn sie hängen bleiben, erweicht Tinos Herz. Er gibt ihnen zwar keinen echten Arbeitsvertrag, aber sie bekommen die Pressetermine und er schreit sie nicht mehr an.
Die meisten hier könnten einen Afghanen nicht einmal von einem Israeli/Ägypter unterscheiden, wenn sie ihre Fussballnationaltrikots tragen. Abi erkennt nicht nur auf hundert Meter, dass es Afghanen sind. Er sieht auf die Distanz auch schon, welcher Stress sich gleich entlädt: Zwei Jungs gehen mit einem Mädchen, das sicher die Schwester vom Kleineren ist. Drei andere Jungs kommen ihnen entgegen. „Hallo“, sagt einer der beiden zu ihr und der Trubel beginnt.
Abi macht einen kurzen Clip davon, wie der kleine Bruder seinen Kontrahenten am Kragen packt. Beide haben dieselben Zornesfalten, einem quillt eine Ader auf der Stirn. Abi geht in Deckung und filmt weiter, während sie die Security trennt.
Der Pratersternclip hat schon fünfhunderttausend Views. Einige Tageszeitungen haben wegen den Rechten gefragt. Für das kann er höchstens drei Mal schön Essen gehen. Aber sie schreiben seinen neuen Künstlernamen darunter. Abi hat seine Accounts umbenannt. Auf Insta, Youtube und Tiktok heißt er jetzt FotograFear. Ist anonymer uns passt besser dazu. Das steht jetzt auch unter dem Clip auf Oe24 und krone.at.
Als er in den großen Besprechungsraum kommt, gaffen ihn alle an. „Hab gehört dein Gewaltporno ist big“, ruft ein Kollege.
Abi zuckt mit den Schultern. Gewalt gehört above the line. Man muss auf sie aufmerksam machen. Vom Wegsehen wird nichts besser.
Tino tänzelt in seinen Sneakern herein. Er geht vor Abi in Boxstellung und zwinkert, dass einem wie Abi so ein ehrenvoller Kampf sicher gefällt. Diesmal hat er seinen Namen richtig gesagt, aber ehrenhafte Kämpfe gibt es nur in Hollywood. Im echten Leben geht meist einfach der Stärkere auf den Schwächeren los. Tino erklärt, dass die Europa-Vorständin eines Glücksspielkonzerns auf die Industriemesse kommt und Abi diesmal die Pressefotos macht.
Im Wagen fragt ihn sein Chef, woher er eigentlich „die geile alte Leica M“ hat. Abi erinnert sich, wie er geholfen hat, den Hausstand für den Rot Kreuz-Flohmarkt auszuräumen und als einziger Helfer bis zum Schluss geblieben ist. Der Sanitäter hat gesagt, dafür könne er sich was von dem Zeug aussuchen. Er hatte wohl keine Ahnung, was so eine Kamera auf Willhaben bringt.
„Keine Sorge“, meint sein Chef. Er habe auch schon öfters etwas mitgehen lassen. Sicher habe es keinen Armen getroffen.
Die Vorständin lässt sich mit Besuchern vor der Messehalle fotografieren. Sie ist die Dritte von links. Ihre Zähne sind top, aber ihre Hautstrukturen muss er unbedingt glätten. Abi zoomt auf ihren Oberkörper. Plötzlich schwappt ein Wasserstrahl zeitlupenartig ins Bild. Gerade als Abi abdrückt, klatscht er der Vorständin ins Gesicht. Ein Aktivist hatte Wasser in den Mund genommen und sie damit angespuckt. Zwei Securities tragen ihn strampelnd weg. Einer davon schimpft, der Schwachkopf glaube, er sei hier bei den G8. Der Aktivist reißt die Augen auf. Wässriger Speichel sammelt sich um seinen Mund und Falten strapazieren sein Gesicht. Auch er hat diese Zornesfalte und eine Ader auf der Stirn. Aber sein Mund verzieht sich zu einem zufriedenen Schrei, der an die Genugtuung erinnert, mit der man nach getaner Arbeit lacht. Abi hatte noch nie so viel Ausdruck in einem Bild. Das Foto der Vorständin ist auch gut. Es sieht aus, als platze gerade eine Wasserbombe in ihrem Gesicht.
Sein Chef blickt ihm über die Schulter. „Das Foto postest du aber nicht, haben wir uns da verstanden?“
Abi zuckt mit den Achseln. Er würde ohnehin nie jemanden für Views und Likes bloßstellen. Vielleicht hat die Frau dem Aktivisten ja etwas getan. Ihm jedenfalls nicht.
„Hast du was gegen Kinder aus Liesing gesagt?“, schreit der Bursch im Kapuzenpullover seinen gegenüber an. Drei gegen eins. Sie stehen hinter dem Aufgang zum Bahnsteig. Der Kapuzenträger ist der erste von rechts.
„Nichts“, flüstert der Angegriffene, aber es ist längst zu spät. Sie haben ihn zu dritt eingekreist und was er tatsächlich gesagt hat oder nicht interessiert in Wirklichkeit kein Schwein. Es gibt Gründe genug: Er ist circa ein Jahr jünger, kommt sicher bei den Mädchen gut an, trägt etwas auffälliges Gewand und ist anscheinend nicht von hier.
„Ich schwöre, ich hab‘ nichts gesagt“, beteuert er. Das wollten sie hören.
„Lüg mich nicht an“, schreit der Kapuzenträger und schon liegt er am Boden. „Lüg mich ja nicht noch mal an!“
Abi geht fotografierend auf sie zu. Die Drei packen ihr Leben scheinbar kaum, als sie ihn dabei sehen. Der Kapuzenträger stürmt sofort auf ihn zu. Er ist vielleicht sechzehn. Aber Abi hat ihm mehr als die ein-zwei Jahre, die zwischen ihnen liegen, voraus. Der Junge greift nach Kamera und zuckt plötzlich zurück. Er starrt auf die Narbe in Abis Gesicht. Sie ist einen halben Zentimeter breit, geht von der Schläfe zum Kinn und lässt sein Gesicht wirken, als hätte es schon alles gesehen. Abi blickt seine Kontrahenten an, als wären sie gar nicht da. Gewalt hat noch nie irgendetwas wirklich besser gemacht und das Risiko eines Kampfes ist immer hoch. Es kann schnell gehen, wenn jemand eine Waffe hat. Und wenn es ihm seine Mutter nicht kürzlich weggenommen hat, hat der Kapuzentyp sicher ein Messer dabei. Die Alternativen zum Kampf sind allerdings auch schlecht. Der Kapuzenträger spuckt ihm auf die Schuhe. Abi schlägt ihm mit halber Kraft ins Gesicht. Hart genug, dass er nicht gleich von selber aufsteht. Auch das ist gewagt. Man weiß nie, was der andere verträgt. Aber eins gegen drei kann er auch nicht riskieren. Der Schönling steht schon wieder. Zwei gegen zwei. Die anderen beiden vertragen wohl nichts. Sie sehen ihn perplex an und laufen davon. Der Kapuzenträger kommt zu sich. Abi beugt sich mit seiner Leica M über seinen Kopf und filmt ein verblüfftes Gesicht.
Zwei Millionen neue Tiktok-Views für FotograFear. Auf Youtube und Insta geht es nicht ganz so gut. Dabei sollten zweitausend Euro herausschauen. Das ist zehnmal so viel, wie ihm ein Pressetermin bringt. Obwohl er stark retuschiert hat. Klare Gesichter bringen natürlich mehr.
Auf der Fahrt zur Nutztiermesse meint sein Chef: „Die Sache mit den Gewaltvideos ist etwas gewagt, aber vielleicht können wir dafür auch unsere Reichweite nutzen.“
Tino hat nichts verstanden. Abi hat den Clip sogar extra so betitelt, dass die Diskussion die richtige Richtung bekommt: „3 gegen 1? Feiger Bully bekomm auf die Fresse!“ Trotzdem gibt es wieder etliche Gewaltverherrlicher in den Comments. Zum Nachdenken anregen hilft halt nur, wenn jemand überhaupt nachdenken kann.
„Deine Fotos sind das pure Leben“, meint sein Chef. „Du denkst vielleicht, hätte dich deine Mutter doch auch studieren geschickt – aber dann wären deine Fotos bestimmt nicht so echt.“
Abi und seine Mutter telefonieren jeden Tag. Als er sie das letzte Mal in echt gesehen hat, hatte sie gerade ihren Marktstand für seine Reise verkauft. Sonst läge er heute neben seinem Vater im Sand.
Als sie aussteigen riecht es schon nach Tieren und Stroh. In der Halle ist eine ringförmige Erdmanege aufgebaut. Darin führen sie Schweine vor die Jury. Der Chef macht ein Foto mit den Geschäftsführern des Zuchtverbandes. Es gewinnt ein typvoller Eber mit enormer Schinkenausprägung vor einem Edelschwein mit schönem Gang. Tino hockt sich für einen Schnappschuss zwischen die beiden Tiere und zeigt Daumen hoch. Danach muss er noch zu einem Meeting, also fährt Abi mit dem Bus. Er loggt sich noch während der Fahrt auf der Veranstaltungswebsite ein. Tierfotos kann er auch unbearbeitet vom Handy aus online stellen. Dann schaut er das Bild vom Chef mit den Züchtervertretern an. Er lädt stattdessen das Foto hoch, auf dem Tino zwischen den Siegerschweinen hockt. Darunter schreibt er: „Tino Egger, 2. von links.“
Jurypreis beim Wiener Werkstattpreis 2020/2021.
Veröffentlicht in der Anthologie bilder:reise.reise:bilder.
Präsentiert u.a. bei der Verleihung des Wiener Werkstattpreises in der VHS Erlaa und der 30-Jahr-Feier des Vereins FZA im Kulturzentrum Spittelberg.